| Medikamentensucht - meine Biographie |
| Hanna, 31,
Krankenschwester und Schauspielerin
Im Juni 1993 fing ich an Valium und Schlaftabletten (Benzodiazepine) zu nehmen. Der unmittelbare Auslöser war, dass mir ein Mann weglief. Aber die eigentlichen Gründe liegen woanders. Ich ertrug mich und mein vermeintlich sinnloses Leben nicht mehr, fühlte mich völlig leer. Wenn ich mich dann tagsüber mit Valium regelrecht zuknallte, empfand ich kaum noch etwas, ich war wie in Watte gepackt. Des öfteren hatte ich die Befürchtung, eine Überdosis genommen zu haben. Dann habe ich mich jedes Mal voller Panik übergeben und literweise Kaffee getrunken. Im Laufe der Zeit hielt ich den Belastungen des Alltags nicht mehr stand. 1996 begann ich mit meiner zweiten Ausbildung zur Schauspielerin; das bedeutete: am Tag ging ich zur Schule, nachts arbeiten. Gelegentlich nahm ich dann tagsüber Amphetamine und Appetitszügler, zum Schlafen wieder Schlaftabletten. An diesen Tablettenmix gewöhnte ich mich schnell. Bis ich eines Tages umfiel. Doch diese Warnzeichen meines Körpers ignorierte ich. Statt dessen bildete ich mir ein: wenn ich schlank bin, wenn ich viel leiste und immer gut drauf bin, dann bekomme ich die Bewunderung, die ich ersehne. Ich verwechselte Bewunderung mit Liebe. Im Oktober 1999 konsumierte ich zum ersten Mal Morphium. Die erhoffte Wirkung setzte sofort ein. Mein Körper fühlte sich leicht an, mir wurde warm, ich fühlte mich euphorisch, alles prallte an mir ab. Ich wurde sehr schnell körperlich und psychisch abhängig von Morphium. Ich lebte nur noch mit "meinen" Medikamenten. Mein Denken und Handeln richtete sich nach ihnen. Soziale Kontakte waren mir völlig egal. Um die Einsamkeit nicht zu spüren, ließ ich 24 Stunden den Fernseher laufen. Körperlich war ich ein Wrack. Ich war hypernervös, fahrig, hatte ständig Kopf- und Gliederschmerzen, konnte nicht mehr schlafen, kam oft genug an den Rand des Suizids. Während meiner "Suchtkarriere" habe ich jede Menge Straftaten begangen: habe Rezepte gefälscht, Medikamente geklaut und gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen. Da ich während der ganzen Zeit noch als Krankenschwester gearbeitet habe, war es für mich relativ einfach, mir die Medikamente zu besorgen. In kürzester Zeit brauchte ich immer mehr, so fiel ich bald auf. Im August 2000 kassierte ich meine fristlose Kündigung. Ich entschloss mich notgedrungen zu einem Entzug. Hätte ich auch nur geahnt, was auf mich zukommt, hätte ich es nicht getan. Zunächst musste ich körperlich entgiftet werden. Aufgrund meiner Mehrfachabhängigkeit dauerte der körperliche Entzug 4 Wochen. Neben den körperlichen Entzugserscheinungen, wie Unruhe, heftige Schmerzen am ganzen Körper und Übelkeit, hatte ich stark mit Konzentrationsstörungen und Wortfindungsschwierigkeiten zu kämpfen. Darunter habe ich am meisten gelitten. Jetzt im Nachhinein weiß ich, dass eine reine Entgiftung nur die Spitze des Eisberges ist. Ich musste mein Leben komplett umkrempeln. Ich verabschiedete mich von meinen zu hohen Idealen und Zielen; lernte, weniger perfektionistisch zu sein; habe alte, mir vertraute Verhaltensweisen aufgegeben; mich von damaligen Freunden getrennt. Dies schaffte ich mit einer 4-monatigen Entwöhnungstherapie in einer Suchtklinik. Es war wichtig für mich zu erleben, dass ich nicht alleine bin, dass ich Hilfe erhalten habe. Ich verstand, dass Sucht eine chronische Krankheit ist. Ich weiß, dass ich "lebenslänglich" abhängig bin, aber ich weiß auch, dass ich mir mein Leben so organisieren muss, eben "lebenslänglich" clean zu bleiben. Entscheidend ist für mich, ständig in Kontakt mit anderen abstinent lebenden Süchtigen zu bleiben. Auch mein Lebenspartner unterstützt mich sehr. Ich kann nur froh und dankbar sein. Froh darüber, dass alles doch noch glimpflich abgelaufen ist und ich weder körperliche noch psychische Folgeerkrankungen habe. Dankbar für die Menschen, die mich auf meinem Weg begleitet haben. Es sind keine großen Wünsche, die ich habe. Ich kann mich wieder an einfachen Dingen erfreuen, bin mit Alltäglichkeiten zufrieden, genieße die kleinen Momente des Glücks. Und ich habe wieder Lust auf das Abenteuer Leben. |